Eingeweihte ahnten es wohl schon lange. Spätestens mit dem Erfolg von Dan Browns Roman "
" (deutscher Titel: Sakrileg) zeigten die Ritter eine weitaus größere Präsenz in der Pariser Öffentlichkeit, als es der auf Ruhe und Verschwiegenheit bedachten Ritterlobby lieb sein konnte. Die konservative französische Regierung mit ihrem Präsidenten Nicolas Sarkozy sieht sich im Zugzwang und geht einen Umweg, um ein unpopuläres Rüstungsverbot im Interesse ihrer engen Klientel doch noch umzusetzen:
Künftig soll es in Frankreich bei Androhung von 150 Euro Strafgeld und Staatsbürgerunterricht verboten sein, einen strengen Ganzkörperschleier zu tragen. Es soll also die "Burka" aus dem Straßenbild Frankreichs herausoperiert werden. Eine denkbar einfache Operation. Denn in Frankreich trägt praktisch niemand eine Burka.
Erreicht wird mit dem Verbot der Gesichtsverschleierung etwas ganz anderes. Die verwinkelten Straßen von Paris, die schmalen Sitzreihen der Cafés und die engen Metro-Züge sind nicht optimal darauf ausgelegt, den wachsenden Mengen an Rittern in Vollmontur einen angemessenen Komfort zu bieten. Die Rittervereinigungen und insbesondere die Standesorganisationen der Kreuzritter haben daher in den letzten Jahren einen beträchtlichen Lobbydruck aufgebaut, mit dem Ziele, die Pariser Verhältnisse deutlich rüstungsfreundlicher zu gestalten. Im Rahmen der gewachsenen Strukturen von Paris und erst recht in Zeiten der Finanzkrise scheint das aber ein Ding der Unmöglichkeit. Sarkozy und seine Regierung konnten bislang keine ritterkompatible Lösung finden und der Kesseldruck unter den Rüstungen bleibt hoch.
Gerade die jungen Ritter zeigen sich zunehmend ungeduldig und unwillens, den eingerosteten Stand der Entwicklung schweigend hinzunehmen. Sie setzten stattdessen auf die öffentliche Präsenz und haben es geschafft, mit öffentlichen Streitkämpfen, Ritter-Ins und Rüstungs-Schauen den Betrieb ganzer Quartiere zu verstopfen. Anfänglich fanden die ritterlichen Anliegen bei der Pariser Bevölkerung noch Zustimmung, zu interessant und romantisch wirkten die mittelalterlichen Rituale. Doch inzwischen ist die Stimmung merklich umgeschwenkt. Der Besuch eines beliebten Ausflugszieles wie dem Jardin du Luxembourg oder dem Quartier Latin hat nämlich immer häufiger einen Folgebesuch beim Arzt in der Konsequenz. "Pieds de chevalier" (Ritterfüße) heißen die Quetschungen nun im Volksmund, die entstehen, wenn ein Ritter in seiner etwa 150 Kilogramm schweren Rüstung auf nur mit Pumps bewehrte Füße stampft. Einen anglisierten Namen bekommen hingegen die Blessen, die einem eine schartige Rüstung aus der hinteren Stuhlreihe zuschmückt: es ist ein Piercing.
Nun führen diese Art der Stiche und Schrammen mittlerweile nicht nur zu überfüllten Artzpraxen, sondern ließen in Paris sogar einen Mangel der Tetanusreserven befürchten. In einer Eilaktion wurden die Reserven aufgefüllt. Das wäre an sich für die Pariser Politiker-Seele zu verkraften gewesen, doch kamen die Dosen nun ausgerechnet aus Marseilles.
Sarkozy musste letztlich handeln. Der mächtigen Rüstungslobbykann er allerdings nicht mit offenem Visier entgegentreten, auch wenn gemunkelt wird, er würde sie am liebsten allesamt auf einen Kreuzzug schicken, um sie loszuwerden. Der schlaue Präsident und seine Berater fanden aber einen raffinierten Ausweg. Indem er mit einem Verbot einer Ganzkörper-Verschleierung hervorprescht hat er es geschafft, die Rittervereinigungen aus der Balance zu bringen. Sie werden nun wohl oder übel auf ihre Rüstungen verzichten, und die Pariser werden befreit aufatmen.